Ich gebe zu: Ich habe mich lange mit dem Thema Krafttraining nicht so intensiv beschäftigt, wie ich es hätte sollen. Nicht weil ich es nicht wusste – sondern weil ich, wie viele Frauen, dachte, dass Laufen, Yoga und aktive Bewegung im Alltag schon ausreichend sind. Bis ich angefangen habe, tiefer zu verstehen, was in einem weiblichen Körper über die Lebensphasen hinweg passiert. Und was fehlt, wenn man nicht gezielt Gewichte hebt.
Was ich seitdem weiß: Krafttraining ist für Frauen keine Zusatzoption für die, die einen definierten Körper wollen. Es ist Vorsorge. Für Knochen, Muskeln, Stoffwechsel – und auf eine Art, die sich mit keiner anderen Trainingsform ersetzen lässt.
Ab etwa dem 35. Lebensjahr beginnt der Körper, Muskelmasse abzubauen. Langsam – etwa 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr. Klingt wenig, ist es auch. Solange man nichts dagegen unternimmt. Denn ab dem 50. Lebensjahr beschleunigt sich dieser Prozess erheblich: bis zu 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Und das ist nicht mehr wenig.
Gleichzeitig erreicht die Knochendichte ihren Höchstwert mit etwa 25 Jahren – und nimmt danach ebenfalls schrittweise ab. Wer denkt, das sei ein Problem der älteren Generation, irrt sich. Der Grundstein für gesunde Knochen mit 60 oder 70 wird mit 30 oder 40 gelegt.
Für Frauen kommt eine entscheidende Variable hinzu: Östrogen. Dieses Hormon schützt aktiv die Muskeln, fördert die Regeneration und spielt eine zentrale Rolle für die Knochengesundheit. Wenn in der Perimenopause der Östrogenspiegel zu sinken beginnt – und das kann bereits ab Mitte 30, spätestens ab 40 der Fall sein – verliert der Körper einen wesentlichen Schutzfaktor. Die Knochendichte nimmt schneller ab. Das Osteoporose-Risiko steigt.
Das klingt abstrakt, bis man die Zahlen kennt: Etwa 40 Prozent unseres Lebens verbringen Frauen im Durchschnitt postmenopausal. Das sind keine letzten Jahre im Verborgenen – das ist fast die Hälfte des Lebens.
Hier liegt ein Missverständnis, das ich immer wieder begegne. Viele Frauen bewegen sich regelmäßig – Laufen, Pilates, Yoga, lange Spaziergänge. Das ist alles gut und hat echten Mehrwert für die Gesundheit. Aber es ersetzt Krafttraining nicht.
Der Grund ist ein physiologischer: Knochen reagieren auf mechanische Reize. Wenn Muskeln über Sehnen an Knochen ziehen – wie es beim Heben von Gewichten der Fall ist – wird dieser Zug direkt auf die Knochenstruktur übertragen. Der Knochen passt sich an. Er bleibt dichter, stabiler. Diesen spezifischen Reiz erzeugt nur das Heben von externen Lasten.
Laufen hilft auch – über die Stoßbelastung beim Aufprall werden ebenfalls Reize auf die Knochen übertragen. Hochintensives Intervalltraining trägt zur kardiovaskulären Gesundheit bei und verbessert nachweislich die Insulinsensitivität, die in der Perimenopause häufig problematisch wird. Aber die direkte mechanische Einwirkung auf Knochen, Sehnen und Bänder, die langfristig strukturelle Stabilität erzeugt, entsteht nur durch Krafttraining mit externem Widerstand.
Was mich persönlich am meisten beschäftigt hat: Man kann mit Yoga und Pilates wunderbare Dinge für Mobilität, Körperwahrnehmung und mentale Gesundheit tun – und ich mache beides und liebe beides. Aber wenn das Ziel ist, den Körper langfristig belastbar, knochendicht und stoffwechselgesund zu halten, dann führt kein Weg am Gewichte-Heben vorbei.
Es gibt einen Ratschlag, der mich jedes Mal fassungslos macht, wenn ich ihn höre: Frauen mit Osteoporose, denen der Arzt sagt, sie sollten nicht mehr als fünf Kilogramm heben.
Das klingt nach Fürsorge. Es ist das Gegenteil. Wenn man eine Holzkiste vom Boden aufhebt – ohne Training, ohne Körperbewusstsein, mit gerundeter Wirbelsäule – wirken Kräfte in Höhe des Zwei- bis Dreifachen des Körpergewichts auf die Wirbelsäule. Das ist die Situation, die gefährlich ist.
Die Lösung ist nicht, keine Gewichte mehr zu bewegen. Die Lösung ist, zu lernen, wie man sich richtig bewegt – mit aktivierter Muskulatur, korrekt ausgeführter Technik, unter Anleitung. Wer das kann, schützt seine Wirbelsäule. Wer es nicht kann, ist auf Dauer gefährdet – egal ob er fünf Kilo hebt oder dreißig.
Krafttraining mit Osteoporose ist nicht verboten. Es ist medizinisch notwendig.
Die Perimenopause kann bis zu zehn Jahre dauern. Zehn Jahre, in denen sich Östrogen und Progesteron unregelmäßig verändern – nicht linear, nicht vorhersehbar. Reizbarkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, veränderte Körperzusammensetzung: Das sind keine psychosomatischen Beschwerden. Das sind hormonelle Mechanismen.
Einer der wirkungsvollsten – und am wenigsten genutzten – Hebel dagegen ist Bewegung. Konkret: Krafttraining und Intervalltraining.
Die Insulinsensitivität ist ein zentrales Thema in dieser Lebensphase. Was passiert? Die Körperzellen reagieren schlechter auf Insulin – dem Schlüssel, der Zucker aus dem Blut in die Zellen transportiert. Muskelzellen schließen sich zunehmend, Fettzellen bleiben offen. Der Zucker landet im Fettgewebe. Die Körperform verändert sich, der Bauchumfang wächst, das Energie-Management wird schwieriger.
Hochintensives Intervalltraining ist – laut aktuellen Studien – eine der wirksamsten Maßnahmen, um die Insulinsensitivität wiederherzustellen. Die Muskelzellen werden durch die intensive Belastung gezwungen, Glukose aufzunehmen. Der Schlüssel passt wieder.
Und Krafttraining – für Knochendichte, Muskelmasse, Sehnengesundheit und Körperstabilität – bleibt unverzichtbar.
Die Empfehlung ist klar: Mindestens zweimal pro Woche Krafttraining, regelmäßiges Intervalltraining, ergänzt durch Ausdauerbewegung die Freude macht. Nicht als Leistungsprogramm – als Investition in Lebensqualität.
40 Prozent des Lebens postmenopausal. Das Durchschnittsalter für die Menopause liegt bei 51 Jahren. Die Perimenopause beginnt – wenn man zurückrechnet – oft mit 40 oder früher. Das heißt: Der Körper beginnt sich zu verändern, lange bevor man es bewusst wahrnimmt.
Was ich mir wünsche, wäre, dass Frauen das früh genug wissen. Nicht damit sie Angst bekommen – sondern damit sie handeln können, solange es noch am wirkungsvollsten ist. Die Muskelmasse, die du mit 35 oder 40 aufbaust und erhältst, ist die Muskelmasse, von der du mit 60 oder 70 profitierst. Die Knochen, die du jetzt mit Reizen versorgst, sind die Knochen, die dich dann tragen.
Wer heute anfängt, hat gewonnen. Wer gestern angefangen hätte, hätte noch mehr gewonnen. Aber der zweitbeste Zeitpunkt ist immer jetzt.
Coach Johanna