Unter Druck entstehen keine Diamanten – meine Geschichte

Ein Trainer hat mir das mal gesagt, als ich zwölf Jahre alt war: Unter Druck entstehen Diamanten. Ich habe diesen Satz nicht einfach gehört. Ich habe ihn geglaubt. Ich habe ihn gelebt. Und ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, wie viel Schaden er in mir angerichtet hat.

Ich bin die Vero. Ich bin Trainerin bei Beyond HP – und das hier ist meine persönliche Geschichte. Nicht die polierte Version davon. Die echte.

 

Wenn Disziplin zur einzigen Sprache wird

Meine Kindheit und Jugend waren vom Leistungssport geprägt. Ich war diszipliniert, fokussiert, zielorientiert. Eigenschaften, die mir im Sport viel gebracht haben – und die ich irgendwann so verinnerlicht hatte, dass ich nicht mehr wusste, wer ich ohne sie war.

Der Glaubenssatz, der sich dabei gebildet hat, war einfach: Nur wenn ich diszipliniert bin, bin ich gut. Nur wenn ich alles kontrolliere, kann nichts schiefgehen. Nur wenn ich perfekt bin – im Training, in der Ernährung, im Schlaf, im Aussehen – bin ich wertvoll. Dann werde ich gesehen. Dann werde ich gelobt.

Das klingt vielleicht hart ausgedrückt. Aber genau so war es. Ich wollte an allem alles kontrollieren, um mir keine Vorwürfe machen zu können. Damit niemand sagen konnte: Du hättest mehr tun können.

Ich war gefesselt von Kontrolle, Perfektionismus, Disziplin – und ich dachte, das sei eine Stärke.

 

Der Zoom-Call, der vieles ins Rollen gebracht hat

2020, erster Lockdown. Ich war allein zu Hause in meiner Wohnung und habe Johanna zum ersten Mal kontaktiert. Offiziell wollte ich abnehmen und mich wohler in meiner Haut fühlen. Das war der oberflächliche Grund. Die tieferen Gründe habe ich erst viele Jahre später wirklich verstanden.

Ich war damals sehr klar, sehr zielorientiert. Ich habe Johanna gesagt: Gib mir einfach einen genauen Plan. Sag mir, was ich zu tun habe, und ich tue es. Wie ein Panzer.

Und das hat auch funktioniert – auf eine Art, die von außen wie Erfolg aussah. Bis es nicht mehr nach Erfolg aussah.

 

Der Moment, in dem meine Welt zusammengebrochen ist

Ich kann mich noch genau erinnern. Ich saß im Auto, hatte eine E-Mail auf dem Handy. Einen medizinischen Befund. Ich musste stehenbleiben.

Die Diagnose: Osteoporose. Ich war 23 Jahre alt.

Mein Körper hatte über Monate so wenig bekommen, was er brauchte, dass er begonnen hatte, die Ressourcen aus meinen Knochen zu holen. Er hatte sich von innen aufgefressen, um mich am Leben zu halten. Das ist nicht dramatisch ausgedrückt. Das war die medizinische Realität.

Ich hatte diese Untersuchung eigentlich gemacht, um Bestätigung zu bekommen. Dass es nicht so schlimm ist, wie alle sagten. Meine Eltern machten sich Sorgen. Mein damaliger Freund. Alle, die mir nahestanden, hatten mir gesagt, dass sie sich Sorgen machen. Ich hatte es nicht wirklich hören können oder wollen.

Ich hatte geliebt, was ich sah. Ich hatte geliebt, dass ich die Situation unter Kontrolle hatte. Dass ich wusste, was zu tun ist, um das Ergebnis zu erhalten. Das hatte mir Sicherheit gegeben. Stärke. Macht.

Und dann, schwarz auf weiß: Ich zerstöre mich selbst.

 

Loslassen lernen – in kleinsten Schritten

Was mir in diesem Moment die Augen geöffnet hat, war kein Ratschlag. Es war das Bild von mir mit 70 Jahren. Ich wollte mit meinem Mann und meinen Enkelkindern noch Skitouren machen. Und ich sah in diesem Moment sehr klar: Wenn ich so weitermache, werde ich mit 70 nicht mehr vom Bett aufstehen können.

Diese Vision hat mich bewegt. Mehr als alles andere davor.

Der Weg zurück war lang und alles andere als linear. Der erste Schritt war, in winzigen Dosen die Kontrolle loszulassen – das war für mich das Schwierigste überhaupt. Ich hatte in der Kontrolle so viel Sicherheit gefunden. In dem Wissen: Wenn ich das und das und das tue, passiert das. Jetzt musste ich lernen, dass der Körper kein Rechenexempel ist.

Er hat nicht so reagiert, wie ich es erwartet hatte. Er hat schneller reagiert. Und hat mir damit genau das gegeben, was ich am meisten vermeiden wollte: Kontrollverlust.

Irgendwann habe ich alle meine Kleider zusammengepackt und weggegeben. Wirklich alle. Und habe komplett neu angefangen – mit Größen, bei denen ich ein paar Jahre vorher in Panik geraten wäre. Das war der Moment, in dem ich entschieden habe: Jetzt ist es so. Ich nehme es an.

Akzeptanz bedeutet nicht, zufrieden zu sein. Es bedeutet anzuerkennen, was gerade ist – und aufzuhören, Energie darauf zu verwenden, dagegen anzukämpfen.

 

Das Muster zieht um – nicht weg

Ich dachte damals, das Thema sei das Essen. Aber das Essen war nur der Ausdruck. Das eigentliche Thema war tiefer: der Perfektionismus, der Kontrollzwang, der Glaubenssatz, dass ich leistungswürdig sein muss, um wertvoll zu sein.

Und das Muster ist nicht einfach verschwunden, als sich das Körperbild stabilisiert hat. Es ist umgezogen. In die Arbeit. In die Leistungserwartung an mich selbst als Trainerin. In das Schuldgefühl, wenn ich eine Trainingswoche nicht so durchziehe, wie geplant.

Erst kürzlich – wirklich erst im letzten Jahr – habe ich wirklich angefangen zu verstehen: Pausen sind keine Schwäche. Leichtigkeit ist keine Faulheit. Und unter Druck entstehen keine Diamanten. Zumindest nicht in der menschlichen Welt.

 

Gestern früh, beim Warm-up

Ich erzähle das, weil es zeigt, wo ich heute stehe – nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als laufender Prozess.

Wir hatten vorgestern Abend Intervalltraining mit dem Running Club. Mittwoch früh ist seit Jahren unser reguläres Training. Ich bin aufgestanden und habe gemerkt: mein Körper ist nicht ready. Ich packe das heute nicht.

Der alte Reflex war sofort da: Rein da. Durchziehen. Und dann beim Warm-up – nein. Das Nervensystem hat sich komplett dagegen gewehrt. Ich habe entschieden, ruhig zu trainieren. Ohne die Gruppe, ohne Vollgas.

Johanna hat gefragt, ob ich bei einer HIT-Runde einspringe. Und ich hatte einen kurzen Moment, in dem das alte Muster wieder laut wurde: Ich will sie nicht enttäuschen. Wieso kann ich das jetzt nicht leisten? Bin ich schwach?

Ich habe das Muster wahrgenommen. Ich habe mir gesagt: Das ist alt. Das ist nicht real. Jetzt atme. Bleib da.

Nach 30, 40 Sekunden war es weg. Und ich habe mein Training so gemacht, wie es für mich an dem Tag richtig war. Den ganzen Tag habe ich gewusst, dass es die richtige Entscheidung war.

Das ist nicht selbstverständlich für mich. Aber es wird ein bisschen leichter.

 

Was ich dir mitgeben möchte

Ich erzähle das alles nicht, weil ich denke, dass jeder die gleiche Geschichte hat wie ich. Die hat niemand außer mir.

Aber ich glaube, das Muster darunter kennen viele: Die Überzeugung, dass Wert an Leistung hängt. Das Gefühl, dass eine Pause eine Niederlage ist. Die Unfähigkeit, den Weg zu genießen, weil man schon beim Ziel sein will.

Schau mal hin, wo in deinem Leben du Druck spürst – und wo Leichtigkeit. Wo gibt dir etwas Energie zurück, und wo frisst es sie? Ist das okay für dich, wie es gerade ist?

Für mich ist Leichtigkeit noch eine Übung. Aber ich weiß mittlerweile: Sie macht mich nicht weniger. Sie macht mich leistungsfähiger, präsenter und zu einer besseren Trainerin, als es der Panzer je konnte.

Fehler passieren. Man hat nie die Absicht, sie zu machen. Und sie machen dich nicht mehr oder weniger wertvoll.

Das hat mir jemand mal gesagt, und es hat meine ganze Sicht verändert. Vielleicht tut es das auch für dich.

Coach Vero