Was du im anderen nicht aushältst, gehört dir

Ich bin Fabian. Und das hier ist ein Gedanke, der mich seit einem Gespräch mit Johanna nicht mehr loslässt – weil er so unbequem und gleichzeitig so präzise ist.

Wenn eine Emotion bei einem anderen Menschen etwas in dir auslöst – wenn dich jemandes Wut aufwühlt, wenn du jemandes Traurigkeit nicht ertragen kannst, wenn dich die Konfliktvermeidung eines Mitarbeiters oder die Sturheit deines Kindes innerlich aufreibt – dann lohnt es sich, nicht auf den anderen zu schauen. Sondern auf dich.

Kaum habe ich eine Emotion selbst integriert, kann ich sie beim anderen halten – sie löst nichts mehr aus, sie ist einfach da. Aber wenn sie mich trifft, wenn sie sich festsetzt, wenn ich noch Stunden später damit beschäftigt bin, dann zeigt mir das fast immer etwas über mich. Nicht über den anderen.

 

Das Muster wiederholt sich – nur in anderer Form

Johanna hat mir von Vätern erzählt, die sie in ihrer Arbeit als Coach begleitet hat. Alle haben als Kinder erlebt, wie ihr eigener Vater geschrien hat. Alle haben sich geschworen: Das tue ich meinen Kindern nie an.

Und sie haben es nicht getan. Sie haben nie geschrien. Sie waren leise, zurückgezogen, immer um Harmonie bemüht. Von außen: bessere Väter. Genau das, was sie sich vorgenommen hatten.

Aber ihre Kinder hatten trotzdem keine echte emotionale Verbindung zu ihnen. Weil diese Väter emotional genauso nicht erreichbar waren wie ihre eigenen Väter – nur in einer anderen Ausprägung. Der Vater von damals hatte alles mit Wut gelöst. Diese Väter lösten alles mit Rückzug und Vermeidung. Gleicher Ursprung. Anderes Verhalten. Dasselbe Ergebnis.

Das Verhalten hatte sich verändert. Das Muster darunter nicht.

Und das ist der entscheidende Punkt: Wer ein Muster nicht auf Nervensystemebene integriert, trägt es weiter – auch wenn er alles tut, um es auf Verhaltensebene zu vermeiden. Die Energie sucht sich einen anderen Ausweg. Immer.

 

Elternschaft und Führung – zwei Orte, derselbe Spiegel

Was für Eltern gilt, gilt genauso für Führungskräfte. Mitarbeiter bringen in bedeutsame Beziehungen dieselben unerfüllten Bedürfnisse mit, die sie aus ihrer Kindheit kennen – nach Sicherheit, nach Anerkennung, nach emotionaler Verlässlichkeit. Das passiert unbewusst. Das ist nicht pathologisch. Das ist menschlich.

Aber wenn ich als Führungskraft nicht verstehe, dass das passiert, reagiere ich auf Dinge, die gar nichts mit mir zu tun haben – und finde trotzdem keine Lösung, weil ich sie auf der falschen Ebene suche. Ich kann Prozesse optimieren, Kommunikationsregeln einführen, Feedback-Kultur etablieren. All das hat seinen Wert. Aber wenn das, was den Konflikt antreibt, in den Nervensystemen der Beteiligten sitzt, dann löst sich nichts durch bessere Strukturen.

Genau das habe ich in unserem Unternehmen immer wieder erlebt. Konflikte, die sich nicht durch Gespräche aufgelöst haben. Erwartungen, die sich nicht durch Vereinbarungen geklärt haben. Und irgendwann die Erkenntnis: Das ist kein Organisationsproblem. Das ist ein Innenproblem. Meins und das der anderen.

 

Warum Ratgeber lesen nicht reicht – und was trotzdem hilft

Werdende Eltern lesen Erziehungsratgeber. Führungskräfte besuchen Seminare zu empathischer Kommunikation. Beides ist nicht falsch. Aber beides reicht nicht, wenn das Thema tiefer sitzt als das Verhalten.

Im Stressmoment – wenn das Kind schreit, wenn im Team gerade alles gleichzeitig eskaliert – greift das Nervensystem auf das zurück, was es jahrzehntelang trainiert hat. Nicht auf das, was man letzte Woche in einem Buch gelesen hat. Man kann das alte Muster dann mit viel Kraft unterdrücken. Manchmal gelingt das. Danach ist man erschöpft. Und danach kommen die Schuldgefühle: Ich weiß doch, wie es sein sollte. Warum kann ich es trotzdem nicht umsetzen?

Die Antwort ist nicht: weil du zu wenig willst. Die Antwort ist: weil Wissen allein kein Nervensystem verändert.

Trotzdem gibt es etwas, das hilft: Du kannst Momente, in denen du nicht der Mensch warst, der du sein willst, korrigieren. Nicht indem du so tust, als wäre nichts gewesen. Sondern indem du das Gespräch suchst – zeitversetzt, ehrlich, ohne Selbstgeißelung. Mit dem Kind, mit dem Mitarbeiter. Das schließt einen Kreis, der sonst offen bleibt. Und ein offener Kreis kostet beide Seiten Energie, auch wenn niemand darüber spricht.

 

Die eigentliche Arbeit

Der Spiegel, den Kinder und Mitarbeiter uns vorhalten, ist kein angenehmer. Aber er ist präzise. Er zeigt nicht, was mit dem anderen nicht stimmt – er zeigt, was in uns selbst noch nicht integriert ist.

Das ist keine Schuldzuweisung. Du hast bekommen, was du bekommen hast – von deinen Eltern, von deiner Umgebung, von den Erfahrungen, die dein Nervensystem geformt haben. Das war nicht deine Entscheidung. Aber was du jetzt damit machst, das schon.

Kinder zu haben und Teams zu führen zwingt dich dazu, dich mit dir auseinanderzusetzen – auf eine Art, die kein Buch und kein Seminar ersetzen kann. Ob du das als Last erlebst oder als Einladung, liegt nicht an der Situation. Es liegt daran, ob du bereit bist hinzuschauen.

Coach Fabi